Digitalisierung – Chance für die Arbeitszeitverkürzung!

Die sogenannte vierte industrielle Revolution ist in vollem Gange. Doch während die einen sie herbeisehnen und moderne Fabriken, Wegfall unangenehmer Arbeiten und sprudelnde Gewinne sehen, fürchten sich wieder andere vor den Folgen und fragen sich ganz zu Recht:

Wo bleibt der Mensch in dieser schönen neuen Welt und wie kann die Arbeit der Zukunft aussehen?

Vor diesem Hintergrund haben sich Franziska Junker und Stephan Marquardt, beide aus dem Landesvorstand der LINKEN Niedersachsen, die Situation des Verladehafens in Emden angeguckt und gefragt, welche Auswirkungen hat die Digitalisierung bereits jetzt auf die Kolleg;innen und deren Arbeitsweisen.

Seit der Einführung des Container-Terminals in der maritimen Wirtschaft hat sich bereits eine Menge getan: Automatisierung und Digitalisierung haben die Bilder der Häfen maßgeblich verändert und die Arbeit vor Ort vollkommen verändert.

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Franziska Junker

Im Verwaltungsbereich gab es vor allem Änderungen in der EDV, diese hat sich im Hafen mittlerweile sehr stark den Zuständen angenähert, wie sie in jedem anderen Großbetrieb auch vorhanden sind. Verwaltung, Rechnungserstellung und Kundenpflege sind bereits lange teil- oder vollständig automatisiert.

Auch die höchst effiziente Planung und Einteilung der Lagerflächen ist heute ohne eine entsprechende Software nicht mehr vorstellbar. Dies überrascht wenig, sind solche Bereiche ja schon früher mit Computern ausgestattet gewesen. Doch am sichtbarsten werden die Auswirkungen der Digitalisierung, wenn man sich den Außenbereich der Häfen mit den gewerblichen Beschäftigten ansieht.

Stephan Marquardt
Stephan Marquardt

Während früher noch die Tagelöhnerei eine gängige Beschäftigungsform in den Häfen war, bei der zumeist kräftige Männer, auch mit einer niedrigeren Qualifikation eine, wenn auch sehr prekäre Beschäftigung fanden.

Ist das Bild heute ein ganz anderes – die Arbeiten sind heute stark automatisiert: Schrankensysteme, Anmeldung und Abholung von Containern sind nun größtenteils automatisiert oder funktionieren mit Apps. Kräne, Containerbrücken oder Flächentransporte arbeiten derweil wie von Geisterhand und bedürfen ihrer menschlichen Kolleg;innen fast nur noch für eine regelmäßigen Wartung.

Die vielen Fahrzeuge, die wie Ameisen zwischen den großen Containern hin- und herfahren, können inzwischen automatisiert tanken oder ihre Batterie wechseln. Doch auch die Beschäftigten selbst sind heute deutlich besser qualifiziert als früher und verwalten zum Beispiel mit ihrer Software die Gates, an denen die Waren ankommen oder auf ihre lange Reise versendet werden.

Der technische Fortschritt hat vor nahezu keinem Bereich des Hafens Halt gemacht und dabei still und heimlich die Kolleg;innen nach und nach verdrängt.

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Durch die Verknüpfung verschiedener Softwaresysteme, die z.Zt noch parallel betrieben werden, soll im Bereich des Automobilumschlages, das autonome fahren eingeführt werden. Das hört sich kompliziert an, ist aber am Ende des Tages ganz einfach. Digitalisierung bedeutet, dass die Fahrzeuge die im Hafen verladen werden, durchaus und in naher Zukunft den Weg aufs Schiff oder auf der Bahn alleine finden. Was wird dann aus den Hafenarbeiterinnen und Hafenarbeiter, die bisher die Autos gefahren haben?

Ver.di spricht davon, dass dann 1/3 der Arbeitsplätze dem technologischen Wandel zum Opfer fallen werden. Gerade an diesem Negativbeispiel zeigt sich, was passiert, wenn die drastisch steigernde Wertschöpfung nur zur Profitmaximierung genutzt wird und nicht der Mensch im Vordergrund steht. Genau hier brauchen wir ein radikales Umdenken für den Umgang mit freiwerdenden Arbeitskapazitäten, wenn wir nicht wollen, dass uns die Arbeit ausgeht.

Denn statt viele Kolleg;innen um ihren Arbeitsplatz zu bringen und somit die Familien und auch die gesamte Region vor erhebliche Existenzängste zu stellen, hätte man diese Entwicklung nutzen müssen, um sich für eine Umverteilung der Arbeit einzusetzen und beispielsweise eine Arbeitszeitverkürzung ohne Entgeltverluste zu organisieren.

So hätten nicht nur viele Arbeitsplätze gerettet und die Arbeitsbelastung reduziert werden können. Dies hätte nicht nur positive Auswirkungen auf die ganze Region, sondern hätte auch dafür gesorgt, dass die Menschen sich auf den technischen Fortschritt freuen und diesen nicht mit Furcht beobachten würden.